Arbeitsgemeinschaft Elternbeiräte an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart

AKTUELLES

Offener Brief der ARGE im Land an die Kultusministerin zum Unterrichtsausfall

So kann es nicht weitergehen. Der Tenor des offenen Briefes an die Kultusministerin ist klar: Die Eltern an den Schulen des Landes wollen nicht auf eine Verbesserung der Unterrichtsversorgung bestenfalls in ein paar Jahren warten, wenn irgendwelche Veränderungen in den Studiengängen zum Tragen kommen würden. Sie erwarten Sofort-Maßnahmen mit Auswirkungen auf den Unterricht an den Schulen schon im nächsten Schuljahr!  Mit Rückendeckung auch der Lehrerverbände PhV und GEW in einigen, wenn auch nicht allen Forderungen der Elternvertretungen haben sich deshalb die drei Arbeitsgemeinschaften aus Stuttgart, Freiburg und Tübingen an die Kultuspolitiker gewandt. Sie seien Eltern der Schülerinnen und Schüler von heute, die de facto den Unterricht an den Gymnasien nicht  in acht sondern in sieben Schuljahren meistern müßten. Bei mehr als dreizehn Prozent Unterricht pro Jahr, der nicht wie geplant stattfinde, sondern komplett ausfalle oder in Vertretungsstunden mit höchst zweifelhafter Wirksamkeit durchgeführt werde, könne man nicht zur Tagesordnung übergehen und ein "Weiter so!" des Kultusministeriums akzeptieren. Man wolle mit der Kultusministerin, aber auch mit den Lehrerverbänden ins Gespräch kommen, um gemeinsam alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die Unterrichtsversorgung entscheidend zu verbessern.

Im Detail fordern die Elternvertretungen:

-       Wenn Lehrerverbände wie der PhV und Elternvertretungen wie der GEB Stuttgart eine mindestens 110-prozentige Unterrichtsversorgung fordern, dann gehört es aus Sicht der Elternvertretungen zu den Aufgaben des Kultusministeriums, darüber nachzudenken, ob man die zweifellos vorhandene Quantität an Lehramtsbewerbern im Gymnasialbereich in eine qualitativ verbesserte Unterrichtssituation einbinden kann. Das gilt für die Frage der Lerngruppengröße, für die Einführung von G9, was in den ersten vier bis fünf Jahren Lehrer einspart, vor allem aber für den Einsatz der Pädagogen in anderen als den studierten Fächern. Natürlich könnte man die nicht gerade fächeroptimierten Lehramtskandidaten in Seminaren für den Unterstufenunterricht in Naturwissenschaften ausbilden und dadurch Kapazitäten der Fachlehrer in der Mittel- und Oberstufe frei machen. Das Kultusministerium habe diesen Vorschlag für die Umschulung von Gymnasiallehrern zu Grundschullehrern ja selbst gemacht. Bei der sehr viel näher liegenden Ausbildung zu naturwissenschaftlichem Unterricht von Gymnasiallehrern in der Unterstufe sollte dies sehr viel weniger problematisch – und überdies mit einem verbesserten Einstellungsangebot verbunden sein.

 -       Wenn Referendare nach bestandenem Examen über die Sommerferien entlassen werden und damit auch zwei Monate kein Geld bekommen, dann ist dies keine Wertschätzung gegenüber den künftigen Lehrern unserer Kinder. Zwei Monate ohne Gehalt bei gleichzeitiger Ungewissheit über den Schulstandort – beides ist kein Anreiz, um gegebenenfalls ein Angebot aus anderen Bundesländern abzulehnen. Ganz besonders dann, wenn man ein „Mangelfach“ studiert hat, das in allen Bundesländern gefragt ist. 

 -       Wenn einerseits Pensionäre angeworben werden, um in den Mangelfächern zu unterrichten, warum sucht man dann am anderen Ende der Pädagogen-Laufbahn nicht nach Lehramts-Studenten in höheren Semestern, die mit Lehrauftrag die Mangelfächer befristet unterrichten? Neben der sicher begrüßenswerten praktischen Unterrichtserfahrung würde diese Maßnahme für einige Studenten sicher auch finanziell das Studium attraktiver machen.   

 -       Das gleiche Rekrutierungspotential müsste auch bei Quereinsteigern zu finden sein. Eltern beispielsweise, deren berufliche Qualifizierung gegeben ist, die gleichwohl zeitliche Kapazitäten für einen Lehrauftrag an einer Schule haben. Hier müssten schon längst Aktivitäten und öffentliche Ansprache an die potentiellen Interessierten erfolgt sein. Die Bedingungen für den Einstieg müssten bekannt, die bürokratischen Hürden auf ein Minimum beschränkt werden. Jede Schule hat ein enormes Potential an Eltern-Kompetenzen, die für Kurse- und Unterrichts-Lehraufträge genutzt werden könnte und müsste. Dies würde vor allem kurzfristig dafür sorgen, dass erheblich weniger Unterricht ausfallen würde als derzeit.

Schon im Vorfeld haben sich die Lehrerverbände gegen Maßnahmen ausgesprochen, die quasi eine Entwertung des Lehrerberufs oder dessen Ausbildung etwa durch Quereinsteiger oder Studierende in fortgeschrittenen Semestern bedeuten würde. Dennoch unterstützten PhV und GEW grundsätzlich die Elterninitiative. Die Arbeitsgemeinschaften der Elternvertretungen haben aus dieser Unterstützung und der Gesprächsbereitschaft der Lehrerverbände die Chance abgeleitet, gemeinsam akzeptierte Lösungen schnell zu finden, um schon im nächsten Schuljahr die Unterrichtsversorgung an den Schulen des Landes zu verbessern. Sie forderten entsprechend in ihrem Brief an die Kultusministerin Gesprächsbereitschaft und den Willen, auch über unorthodoxe, aber effiziente und kurzfristige Lösungsansätze nachzudenken und sie in die Wege zu leiten. 

Der Brief an die Kultusministerin im Wortlaut:

 Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Susanne Eisenmann,

 erfreut haben wir, die ElternvertreterInnen von 291 öffentlichen Gymnasien in den Regierungsbezirken Stuttgart, Freiburg und Tübingen zur Kenntnis genommen, dass Sie Verständnis dafür haben, dass wir ein Informationsbedürfnis über die tatsächliche Unterrichtsversorgung an den Schulen unserer Kinder haben. Mit unserer Erhebung im Regierungsbezirk Stuttgart und Ihrer Vollerhebung werden Sie ja sicher auch die von Ihnen geforderte „deutlich verlässlichere Datenbasis“ bekommen haben, um „besser reagieren zu können. (Zitate aus der FAZ).

 Natürlich werden Sie auch dafür Verständnis haben, dass die Eltern und deren Kinder nicht darauf warten können oder wollen, bis eine Änderung der Ausbildung von Lehrern an den Universitäten z.B. zu mehr Pädagogen in acht oder zehn Jahren führen wird. Eine erfolgsgekrönte Politik wäre dann bestenfalls für bisher nicht eingeschulte oder noch gar nicht geborene Kinder relevant. Uns ist bewusst – und Ihnen sicherlich auch - , dass die aktuellen Schülerinnen und Schüler damit fertig werden müssen, dass sie durch den Unterrichtsausfall in acht Jahren Gymnasium das Unterrichtsziel bis zum Abitur de facto mit einem Schuljahr weniger erreichen müssen.  Mit Recht erwarten wir taugliche Sofort-Maßnahmen, um schon im nächsten Schuljahr eine spürbare Veränderung der Unterrichtssituation zu erreichen.

 -       Wenn Lehrerverbände wie der PhV und Elternvertretungen wie der GEB Stuttgart eine mindestens 110-prozentige Unterrichtsversorgung fordern, dann gehört es aus unserer Sicht zu den Aufgaben des Kultusministeriums, darüber nachzudenken, ob man die zweifellos vorhandene Quantität an Lehramtsbewerbern im Gymnasialbereich in eine qualitativ verbesserte Unterrichtssituation einbinden kann. Das gilt für die Frage der Lerngruppengröße, für die Einführung von G9, was in den ersten vier bis fünf Jahren Lehrer einspart, vor allem aber für den Einsatz der Pädagogen in anderen als den studierten Fächern. Natürlich könnte man aus unserer Sicht die nicht gerade fächeroptimierten Lehramtskandidaten in Seminaren für den Unterstufenunterricht in Naturwissenschaften ausbilden und dadurch Kapazitäten der Fachlehrer in der Mittel- und Oberstufe frei machen. Sie haben diesen Vorschlag für die Umschulung von Gymnasiallehrern zu Grundschullehrern ja selbst gemacht. Bei der sehr viel näher liegenden Ausbildung zu naturwissenschaftlichem Unterricht von Gymnasiallehrern in der Unterstufe sollte dies sehr viel weniger problematisch – und überdies mit einem verbesserten Einstellungsangebot verbunden sein.

 -       Wenn Referendare nach bestandenem Examen über die Sommerferien entlassen werden und damit auch zwei Monate kein Geld bekommen, dann ist dies keine Wertschätzung gegenüber den künftigen Lehrern unserer Kinder. Zwei Monate ohne Gehalt bei gleichzeitiger Ungewissheit über den Schulstandort – beides ist kein Anreiz, um gegebenenfalls ein Angebot aus anderen Bundesländern abzulehnen. Ganz besonders dann, wenn man ein „Mangelfach“ studiert hat, das in allen Bundesländern gefragt ist. 

 -       Wenn einerseits Pensionäre angeworben werden, um in den Mangelfächern zu unterrichten, warum sucht man dann am anderen Ende der Pädagogen-Laufbahn nicht nach Lehramts-Studenten in höheren Semestern, die mit Lehrauftrag die Mangelfächer befristet unterrichten? Neben der sicher begrüßenswerten praktischen Unterrichtserfahrung würde diese Maßnahme für einige Studenten sicher auch finanziell das Studium attraktiver machen.   

-       Das gleiche Rekrutierungspotential müsste auch bei Quereinsteigern zu finden sein. Eltern beispielsweise, deren berufliche Qualifizierung gegeben ist, die gleichwohl zeitliche Kapazitäten für einen Lehrauftrag an einer Schule haben. Hier müssten schon längst Aktivitäten und öffentliche Ansprache an die potentiellen Interessierten erfolgt sein. Die Bedingungen für den Einstieg müssten bekannt, die bürokratischen Hürden auf ein Minimum beschränkt werden. Jede Schule hat ein enormes Potential an Eltern-Kompetenzen, die für Kurse- und Unterrichts-Lehraufträge genutzt werden könnte und müsste. Dies würde vor allem kurzfristig dafür sorgen, dass erheblich weniger Unterricht ausfallen würde als derzeit.

 Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann,

die oben erwähnten Maßnahmen könnten aus unserer Sicht die katastrophale Situation an den Schulen des Landes schon sehr schnell entkrampfen. Wir Eltern haben keine Zeit mehr, darauf zu warten, dass irgendeine Politik irgendwann die Lösung aller Probleme nicht nur verspricht, sondern auch bringt. Wir können nicht auf ein Abebben der Pensionswelle in zwei oder drei Jahren warten und auch nicht auf eine Attraktivitätssteigerung des Lehrerberufs für potentielle MINT-Absolventen an den Universitäten. Wir brauchen eine Änderung der Schulsituation jetzt – und erwarten entsprechende Maßnahmen von Ihnen ebenfalls jetzt, also zum nächsten Schuljahr.

 Wir würden sehr gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen über die aus Ihrer Sicht sofort, mittelfristig und langfristig wirkenden Maßnahmen. Wir sind jederzeit zu diesem Gespräch bereit  

 Mit freundlichen Grüßen

Michael Mattig-Gerlach                           Stephan Ertle                           Carsten T. Rees

für den Vorstand                                        für den Vorstand                        für den Vorstand

der ARGE Stuttgart                                   der ARGE Tübingen                  der ARGE Freiburg